Ein neues Nepal

Die Stimmung in den Straßen von Kathmandu ist enthusiastisch. Egal mit wem ich spreche, überall spürt man eine vorsichtige, aber deutliche Hoffnung, seit am 5. März 2026 Balendra Shah, der ehemalige Rapper, zum neuen Premierminister gewählt wurde. Gemeinsam mit seiner Rastriya Swatantra Party (RSP) will er den jungen Menschen in Nepal mehr Perspektiven geben und die Strukturen der alten politischen Garde aufbrechen.

Nach den sogenannten Gen-Z-Protesten im September 2025 soll der 35-jährige Balen, wie er von vielen liebevoll genannt wird, neuen Schwung in ein Land bringen, das seit Jahrzehnten von denselben politischen Figuren regiert wurde, Namen wie KP Oli oder Sher Bahadur Deuba stehen für Kontinuität, aber auch für Stillstand.

Seit dem 27. März sitzt Balen nun auf dem höchsten politischen Stuhl des Landes. Eine einfache Aufgabe ist das nicht. Doch er wirkt entschlossen. Gemeinsam mit seiner Partei hat er sich 100 Ziele für 100 Tage gesetzt, und tatsächlich: Es bewegt sich etwas. Schon in seiner Zeit als Bürgermeister von Kathmandu, seit 2022, hat er Spuren hinterlassen. Viele Leute, die immer wieder ihren Urlaub in Nepal verbringen, haben auch schon festgestellt, dass die Stadt aufgeräumter wirkt. Das Müllproblem sei zumindest teilweise unter Kontrolle gebracht worden, es gibt plötzlich Verkehrsampeln, die auch funktionieren und auch wenn die Luftqualität weiterhin unter dem gewünschten Niveau bleibt, hat sich die Situation spürbar verbessert.

Nun will Balen auf nationaler Ebene weitergehen. Diskutiert werden unter anderem die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft sowie ein neues Arbeitszeitmodell. Die Nepalesinnen und Nepalesen haben zudem ein zweitägiges Wochenende erhalten. Wer also wie gewohnt am Sonntag ein Amt besuchen möchte, wird künftig vor verschlossenen Türen stehen, auch wenn die Arbeitszeit unter der Woche gleich bleibt. Aus dem bisherigen Rhythmus, in dem der Arbeitstag oft erst spät begann und früh endete, ist nun ein „nine-to-five“-Modell wie in Deutschland geworden, zumindest auf dem Papier.

Doch Nepal bleibt nicht isoliert von der Welt. Der anhaltende Konflikt im Iran wirkt sich auch auf das Land im Himalaya aus. Man spürt, dass weniger Touristinnen und Touristen kommen, und auch wenn sich die Everest-Aspirantinnen und -Aspiranten sich von der globalen Lage nicht abschrecken ließen, haben doch einige Trekker ihre Reisen abgesagt – oft aus Sorge, im falschen Moment am falschen Ort zu sein oder nicht mehr problemlos zurückzukommen. Die Unsicherheit ist spürbar.

 

 

Müllproblem ist immer noch sichtbar.

Müllproblem ist immer noch sichtbar.

 

Das zeigt sich auch bei den internationalen Verbindungen. Mein Flug von München nach Doha am 16. April war fast leer, und auf dem Weiterflug nach Kathmandu war ich das einzige „westliche“ Gesicht im Flieger, eine Situation, die ich so in dieser Form noch nie erlebt habe – und ich fliege seit über 20 Jahren zweimal pro Jahr nach Nepal.

Zum Schluss bleibt dieses Gefühl, das sich nur schwer in Worte fassen läßt irgendwo zwischen vorsichtigem Optimismus und einer leisen Unruhe. Nepal steht an einem Wendepunkt, wie so oft in seiner jüngeren Geschichte, doch diesmal scheint der Wille zum Wandel greifbarer als in vielen Jahren zuvor. In Kathmandu spürt man diese Energie in kleinen Momenten: in Gesprächen auf der Straße, in der Hoffnung der jungen Leute, in der Geduld, mit der sie abwarten, ob die großen Versprechen auch wirklich im Alltag ankommen. Gleichzeitig bleibt das Land verletzlich, abhängig von äußeren Entwicklungen, vom Tourismus und von der globalen Lage, und nicht zuletzt von der Geduld seiner eigenen Bevölkerung.

Billi Bierling

 

von Redakteur
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